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Andacht zur Jahreslosung 2024
„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ (1 Kor 16,14)
Stichwort: In der Liebe bleiben

Populismus: Die neue Pest. Unsere Gesellschaft ächzt darunter.

Die Frage, was Populismus eigentlich ist, ist schwerer zu beantworten, als die Frage, wen man für einen Populisten hält. Schillernde Paradebeispiele in Politik und Gesellschaft sind schnell identifiziert und lassen sich per Fingerzeig verunglimpfen. Wir selber zählen uns natürlich nie dazu.

Populismus ist keine eigene politische Ideologie, sondern eher ein bestimmter Stil der Argumentation. Er gibt sich volksnah und heischt nach Zustimmung. Ihm fehlen intellektuelle Redlichkeit, und oft auch Anstand. Er findet im Privaten ebenso statt, wie im vorpolitischen Raum (Gruppen, Vereine und Initiativen), noch lange bevor wir uns mit Parteien und Wahlen auseinandersetzen. Er vergiftet das Gespräch, das Reden und Denken – und irgendwann auch das Handeln.

Vielleicht – die Wissenschaft streitet sich noch – kann man drei Grundzüge beschreiben, in denen sich Populismus äußert und von denen er sich nährt:
• Vereinfachung
• Frontenbildung
• und Durchgriffsphantasien.

1. Die Vereinfachung stellt – egal bei welchem noch so komplexen Thema – eine Übersichtlichkeit her, dass einem oft die Spucke wegbleibt: „Es kann doch nicht so schwer sein, die Kernfusion mal endlich zum Laufen zu bringen. Wieviel Steuergeld soll da noch versenkt werden?“

Die christliche Gemeinde soll ein Ort sein, an dem der Liebe Gottes Raum gegeben wird. Diese Liebe ermöglicht uns einen realistischen Blick auf die Welt in all ihrer Schönheit, aber auch Verlorenheit, in ihrer Klarheit, aber auch in ihrer Kompliziertheit – kurzum: in ihrer Vielfalt. Wir wissen oft nicht besonders viel; auch das gehört dazu. Damit wäre der Vereinfachung schon ein gutes Stück weit vorgebeugt.

2. Die Frontenbildung teilt die Welt in Gruppen ein und stellt „uns“ auf die gute, ehrliche und unterdrückte Seite: „Die korrupte Elite macht sowieso nur noch, was sie will. An den einfachen Arbeiter denken die schon lange nicht mehr.“

Die Liebe gestattet es nicht, solche Fronten in der Gesellschaft zu eröffnen und zu befeuern. Die „Arbeitsgröße“ für das christliche Handeln ist vorrangig der Einzelne. Ihm gilt das Evangelium. Er ist nicht schlechter als ich. Er ist wahrzunehmen, anzusprechen und einzubeziehen. In ihm ist das Ebenbild Gottes zu suchen, und sei es noch so unkenntlich gemacht und verstellt worden. Die Herauslösung des Einzelnen aus einer Gruppe ist seine Chance auf echte Individualität und unsere Chance auf wirkliche Begegnung. Frontlinien lösen sich dabei oft in Luft auf.

3. Die Durchgriffsphantasien schließlich basieren auf der Behauptung, dass der Sache anders nicht mehr beizukommen wäre: „Die von der Regierung alle aufknüpfen!“. Dabei werden zivilisatorische Errungenschaften und demokratisch-rechtsstaatliche Instanzen ignoriert; breit aufgestellte Beteiligungsprozesse und Kompromisspolitik gelten als Gräuel. Stattdessen wird dumpfer Zorn von der Kette gelassen, oft erschallt der Ruf nach dem „Volksentscheid“. Am Ende hat man den Reichstag gestürmt (oder das Capitol), hat aber darüberhinaus keinen wirklichen Plan. Es droht ein heilloses Durcheinander.
Solche Phantasien, solches Begehren nach Macht und Gewalt, sind nicht nur geschichtsvergessen, sie zeigen auch keinerlei Bescheidenheit, keine Einsicht in die Begrenztheit des Einzelnen und keinen Respekt vor der zerstörerischen Kraft des Chaos’, das in der Schöpfung einst so weise geordnet und in die Grenzen gewiesen wurde, damit Leben überhaupt erst möglich wird.

Die biblischen Gebote weisen uns einander in Liebe zu und suchen nach dem Weg, der miteinander gegangen werden kann, in Partnerschaften, Freundschaften, Familien, Gemeinschaften und Gesellschaft. Populismus ist deshalb gefährlich, weil er kaputtmachen will. Er entspringt dem „Geist, der stets verneint“ (Faust). Konstruktiver Austausch, Ringen um Werte, Aushandeln von Grundlagen des Miteinanders liegen ihm fern.

Leider kann sich kaum jemand davon freisprechen, nicht dann und wann mal auf populistische Äußerungen hereinzufallen und eine der drei Wesensmerkmale im eigenen Denken und Reden mitzuvollziehen. Ach, was heißt „leider“? Vielleicht ist das auch ein Lehrstück für den, der lernen will. Denn es kann uns ja auch eine Erziehung zur Demut sein. Bleiben wir aufmerksam! Und bleiben wir in der Liebe!

„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ (1 Kor 16,14)

mit herzlichen Grüßen aus Hohenmocker, Pastor Chr. Bauer