Andacht zum 1. Sonntag nach Weihnachten

Stichwort: Erfahrung

Der Mann, Mitte 60, kann mit Kirche nicht viel anfangen. Die Gottesdienste: fremd. Die Liturgie: unverständlich. Die Predigten: weit weg. Das Glaubensbekenntnis: alt. Er ist noch nicht mal Kirchenmitglied. Trotzdem sitzt er dann und wann im Gottesdienst. Was treibt ihn in die alten Mauern? Eines Tages fasse ich mir ein Herz und frage ihn.

Er erzählt seine Geschichte. Er erzählt vom Auf und Ab, vom Finden und Verlieren, von Abbrüchen und Neuanfängen. Der Glaube spielt keine Rolle; Kirche erst recht nicht. Man kann ganz gut ohne Gott leben, wie es scheint. Doch dann kommt eine Krankheit. Die Diagnose zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Er fühlt sich allein. Die Nacht um ihn herum scheint undurchdringlich.

Da spricht er zum ersten Mal ein Gebet: „Lieber Gott, hilf mir hier heraus. Ich pack das allein nicht.“ Er ist das Beten nicht gewohnt. Aber das spielt keine Rolle: Noch im selben Moment fließt Trost vom Himmel herab. Man könnte sagen: in Strömen. Er hat wieder Kraft zum Kämpfen.

Für den Mann reicht diese Erfahrung, um einen festen Glauben in seinem Herzen zu gründen. Er bleibt auf Distanz zur Kirche und zur ganzen Tradition. Für ihn sind einfach viel zu viele Fragen offen. Nur eine Frage ist nicht mehr offen: Ob es Gott gibt.

aus Hohenmocker, Pastor Chr. Bauer