Andacht zum 11. Sonntag nach Trinitatis
Stichwort: Aus Gnade leben

Ewald, der Dorftrinker, war mal wieder knapp bei Kasse als die Sammlung für die Orgelreparatur lief. Das wenige Geld, das er hat, geht oft schon am Monatsanfang für andere Dinge drauf. Die Dame mit der Spendenbüchse hatte es bei Ewald nicht anders erwartet.

Als der Einweihungsgottesdienst stattfindet, geht Ewald trotzdem hin. Er setzt sich ganz hinten in die letzte Bankreihe und hofft, dass er nicht weiter auffällt. Düsteres geht ihm durch den Kopf: Was hast du aus deinem Leben gemacht? Wie viele Chancen hast du vertan? Wenn es einen Gott gibt – was denkt der über mich?

Auch Unternehmer Schnick betritt die Kirche. Vor Jahren schon hat er die Patenschaft für die Reparatur der vordersten Bankreihe übernommen. Es ist seitdem ein ungeschriebenes Gesetz, dass dort nur seine Familie sitzt. Er schreitet durch den Mittelgang nach vorn und setzt sich hin, natürlich nicht ohne zuvor noch ein kleines Gebet im Stehen zu verrichtet zu haben.

Schnick freut sich seines Lebens und blickt voller Stolz auf alles Erreichte. Heute ist ein besonderer Festtag für ihn, da er zu den Großspendern der Orgelreparatur zählt. Über Leute wie Ewald ärgert er sich. Dass der auch im Gottesdienst sitzt ist Schnick nicht entgangen. Was sucht so ein Taugenichts hier? Sollte es nicht ein Dankgottesdienst für die Spender sein?

„Aus Gnade seid ihr gerecht geworden und nicht aus Euren Taten, damit sich nicht einer unter uns rühme.“, beginnt der Kirchenvorstand den Gottesdienst. „Mit diesem Bibelwort wollen wir dankbar in den Gottesdienst starten. Es soll uns daran erinnern, dass wir durch Gottes Barmherzigkeit hier sind und nicht aus eigenen Verdiensten.“

Im weiteren Verlauf wird auch ausführlich den Spendern gedankt. Keiner kommt zu kurz. Aber Ewald ist mit seinen Gedanken noch bei der Einleitung. Diese Worte haben ihn ins Mark getroffen. Aufgewühlt geht er heute nach Hause: Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für so einen wie mich?

mit vielen Grüßen aus Hohenmocker, Pastor Chr. Bauer

Die Andacht zum jeweiligen Sonntag bezieht sich auf ein verbindendes Stichwort aus den gottesdienstlichen Lesungen (grüner Link oben).