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Andacht zum Ostermontag
Stichwort: Auferstehung

Jahrgangstreffen der Schule  – das erste nach 10 Jahren. Von 100 Leuten haben sich gut 40 angemeldet. Ich bin gespannt. Der Abend nimmt Fahrt auf und bald habe ich die meisten Namen und Gesichter sortiert. Nur einer passt noch in keine Schublade, ein kerniger Typ mit Weltumsegler-Gesicht. Ich kann mich beim besten Willen nicht an ihn erinnern. Zwei Kumpels sind belustigt: „Den kennst du nicht mehr? Das ist doch Paul.“ Mir fällt die Kinnlade runter.

Vor vielen Jahrhunderten wandern zwei Männer den Weg von Jerusalem nach Emmaus. Zu den beiden Wanderern gesellt sich Christus, doch er bleibt ihnen ein Fremder. Es ist „als würden ihnen die Augen gehalten“. Er muss sich sehr verändert haben.

Paul auf dem Klassentreffen sieht so überhaupt nicht nach Liegestützen und Stilberatung aus, eher nach Lebenserfahrung im Gegenwind. Wir kommen gut ins Gespräch. Die Hänseleien damals hat er uns nicht übel genommen; er hatte ganz andere Probleme. Nach dem Abitur hat er sich von den Eltern losgesagt und ein paar Jahre im Ausland gearbeitet. Neuanfang. Mit dem Abschied vom alten Leben verschwand auch der Babyspeck. Das Gefühl, mit allen Wassern gewaschen zu sein, gibt ihm Zuversicht für das, was noch kommt. Ich nicke nachdenklich. Vielleicht ist das ein Bild für die Auferstehung: Er ist Derselbe geblieben, und irgendwie auch nicht.

Erst später, in der Begegnung mit Christus, in den gemeinsamen Erinnerungen, im Ritual der Mahlzeit, erkennen die Jünger ihn wieder. Kaum beginnen Sie, sich an den neuen Anblick zu gewöhnen, verschwindet er aus ihrer Mitte. Er scheint noch viel vorzuhaben.

Auferstehung könnte bedeuten: Es wird alles wieder gut. Nur die Augen müssen sich umgewöhnen. Na, wenn es weiter nichts ist.

mit vielen Grüßen aus Hohenmocker, Pastor Chr. Bauer

Die Andacht zum jeweiligen Sonntag bezieht sich auf ein verbindendes Stichwort aus den gottesdienstlichen Lesungen (grüner Link oben).